Serienschaden: die Klausel, die alles entscheidet
Ein Fehler in einer Charge, tausend betroffene Teile. Ob das ein Schadenfall ist oder tausend, steht in einer Klausel, die kaum jemand liest. Und sie bestimmt Ihre tatsächliche Absicherung.
Das Problem in einem Beispiel
Sie sind Zulieferer und liefern ein Bauteil. Eine Charge ist fehlerhaft, weil eine Einstellung nicht stimmte. Aus dieser Charge stammen 800 Teile, verbaut in 800 Maschinen bei 40 verschiedenen Kunden.
Jetzt kommen die Ansprüche. Jeder Kunde will Ausbau, Ersatz, Wiedereinbau und Produktionsausfall ersetzt haben.
Die entscheidende Frage lautet: Ist das ein Versicherungsfall oder sind es 40?
Die Antwort steht in Ihrer Serienschadenklausel, und sie führt zu zwei völlig unterschiedlichen Ergebnissen.
Variante eins: ein Schadenfall
Alle Ansprüche werden zusammengefasst. Ihre Deckungssumme steht einmal zur Verfügung, für alles zusammen.
Vorteil: Der Selbstbehalt fällt nur einmal an.
Nachteil: Wenn Ihre Summe fünf Millionen beträgt und die Ansprüche acht Millionen ergeben, zahlen Sie drei Millionen selbst.
Variante zwei: 40 Einzelfälle
Jeder Kunde ist ein eigener Fall, jeder mit voller Deckungssumme.
Vorteil: Die Summe reicht.
Nachteil: Der Selbstbehalt fällt 40 Mal an. Bei 10.000 Euro sind das 400.000 Euro aus eigener Tasche.
Und die Jahreshöchstleistung ist schneller erschöpft, weil sie meist auf ein Vielfaches der Einzelsumme begrenzt ist.
Was Ihre tatsächliche Absicherung bestimmt
Nicht die Deckungssumme allein. Es sind vier Werte, die zusammenwirken, und alle vier stehen an verschiedenen Stellen im Vertrag.
Wo Serienschäden typischerweise entstehen
Überall dort, wo eine Ursache viele Einheiten betrifft. In der Praxis sind das hauptsächlich vier Konstellationen.
Die Charge
Ein Ofenlauf, eine Mischung, ein Bad, eine Rolle. Wenn dort etwas nicht stimmt, ist alles betroffen, was daraus entstanden ist.
Betrifft Härtereien, Gießereien, Galvanik, Betonwerke und Verpackungshersteller gleichermaßen.
Die Konstruktion
Ein Auslegungsfehler betrifft nicht eine Charge, sondern alles, was jemals nach dieser Zeichnung gefertigt wurde. Das kann sich über Jahre erstrecken.
Die Software
Ein Fehler im Code wirkt bei allen, die die Version installiert haben. Zeitgleich und ohne Vorwarnung.
Und die Beratung
Eine falsche Rechtsauffassung oder ein fehlerhaftes Berechnungsschema wirkt bei allen Mandanten, bei denen es angewandt wurde. Deshalb ist die Klausel auch in beratenden Berufen relevant.
Was Ihre Position im Ernstfall bestimmt
Die Rückverfolgbarkeit. Wenn Sie eingrenzen können, welche Teile aus der fehlerhaften Charge stammen und wohin sie gingen, begrenzen Sie den Schaden erheblich.
Wer das nicht kann, muss pauschal zurückrufen. Und ein pauschaler Rückruf ist um ein Vielfaches teurer als ein gezielter.
Das ist kein Versicherungsthema, sondern ein Organisationsthema. Aber es wirkt sich unmittelbar auf die Schadenhöhe aus.
- Wie behandelt Ihre Police mehrere Ansprüche aus einer Ursache?
- Wie groß ist eine typische Charge bei Ihnen?
- An wie viele Kunden geht sie?
- Was wäre der Anspruch je Kunde, realistisch gerechnet?
- Reicht die Deckungssumme in beiden Varianten?
- Wie hoch ist die Jahreshöchstleistung?
- Wie oft fiele der Selbstbehalt an?
- Und können Sie eine Charge bis zum Kunden zurückverfolgen?
Was uns dazu gefragt wird
Was ist ein Serienschaden?
Mehrere Schäden, die auf dieselbe Ursache zurückgehen, etwa eine fehlerhafte Charge, einen Konstruktionsfehler oder einen Softwarefehler.
Die Serienschadenklausel legt fest, ob daraus ein Versicherungsfall wird oder viele. Davon hängt ab, wie oft Deckungssumme und Selbstbehalt zur Anwendung kommen.
Welche Variante ist besser?
Das hängt von Ihrer Struktur ab. Bei vielen kleinen Ansprüchen ist die Zusammenfassung günstiger, weil der Selbstbehalt nur einmal greift. Bei wenigen großen sind Einzelfälle besser, weil jeweils die volle Summe zur Verfügung steht.
Deshalb rechnen wir beide Szenarien mit Ihrer typischen Chargengröße und Kundenzahl durch, bevor wir etwas empfehlen.
Was ist die Jahreshöchstleistung?
Der Betrag, der für alle Versicherungsfälle eines Jahres zusammen zur Verfügung steht, meist das Ein- bis Dreifache der Deckungssumme. Oft auch Maximierung genannt.
Bei Einzelfallbetrachtung ist sie schneller erschöpft, weil jeder Anspruch als eigener Fall zählt. Diese Zahl gehört deshalb immer mit in die Betrachtung.
Gilt die Klausel zeitlich unbegrenzt?
Nicht immer. Manche Klauseln fassen nur Schäden zusammen, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums auftreten. Was später kommt, gilt als neuer Versicherungsfall.
Das kann günstig oder ungünstig sein, je nachdem, wie schnell sich Fehler bei Ihnen zeigen. Bei langsam auftretenden Mängeln ist es meist von Vorteil.
Betrifft uns das auch als Dienstleister?
Ja, wenn ein Fehler bei vielen Kunden gleichzeitig wirkt. Bei IT-Dienstleistern ist das ein Softwarefehler, bei Beratern eine falsche Rechtsauffassung oder ein fehlerhaftes Berechnungsschema.
Die Klausel steht dann in der Vermögensschadenhaftpflicht und ist dort genauso entscheidend wie bei Zulieferern.
Was können wir selbst tun?
Die Rückverfolgbarkeit sichern. Wenn Sie eingrenzen können, welche Teile aus einer fehlerhaften Charge stammen und wohin sie geliefert wurden, begrenzen Sie den Schaden erheblich.
Wer das nicht kann, muss pauschal zurückrufen, und das kostet ein Vielfaches. Das ist kein Versicherungsthema, wirkt sich aber unmittelbar auf die Schadenhöhe aus.
Wie groß ist eine typische Charge bei Ihnen?
Mit dieser Zahl rechnen wir beide Varianten durch. Danach ist die Sache klar.