Versicherung für Thermen, Schwimmbäder und Saunalandschaften
Chlorhaltige Hallenluft greift tragende Bauteile an, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Und bei der Aufsichtspflicht kann sich im Schadenfall die Beweislast gegen Sie drehen.
Aufsichtspflicht: der Punkt, an dem die Beweislast kippt
Der Bundesgerichtshof hat die Pflichten der Badeaufsicht 2017 konkretisiert (Urteil vom 23. November 2017, III ZR 60/16). Verlangt werden die ständige Beobachtung des Wassers durch regelmäßige Kontrollblicke, eine geeignete Standortwahl mit Standortwechsel und die Sicherstellung schneller Hilfe.
Wirtschaftlich entscheidend ist der zweite Teil der Entscheidung: Bei grob fahrlässiger Verletzung der Aufsichtspflicht kehrt sich die Beweislast für die Kausalität um, ähnlich wie im Arzthaftungsrecht. Dann müssen Sie beweisen, dass der Schaden auch bei ordnungsgemäßer Aufsicht eingetreten wäre.
Warum die Personalfrage eine Haftungsfrage ist
Die Richtlinie 94.05 der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen unterscheidet Betriebsaufsicht, Badebetriebsaufsicht und Wasseraufsicht und beschreibt die Qualifikationen. Sie nennt bewusst keine feste Personalkennzahl, sondern verlangt eine personell ausreichende, den örtlichen Verhältnissen angepasste Aufsicht.
Diese Offenheit verlagert die Beweislast zu Ihnen. Wer keine dokumentierte Gefährdungsbeurteilung für die Aufsicht hat, kann im Prozess nicht zeigen, dass die Besetzung angemessen war. Eine schriftliche Begründung der Aufsichtsplanung ist deshalb kein Papierkram, sondern Ihre Verteidigungslinie.
Betrieb ohne Aufsicht kann die Deckung kosten
Die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen hat über einen Fall berichtet, in dem für den Betrieb einer Naturbadeanlage ohne Aufsicht kein Haftpflichtschutz bestand. Das ist der Kern des Themas: Nicht jede Betriebsform, die Sie anbieten, ist von Ihrer Police erfasst.
Naturbadestellen, unbeaufsichtigte Frühschwimmzeiten, Saunabetrieb ohne Personal, vermietete Bahnen an Vereine und Schulschwimmen mit fremder Aufsicht sind jeweils eigene Risiken. Wer sie nicht benennt, hat sie nicht versichert.
Werkstoffe: wovon Ihre Statik abhängt
Das Merkblatt 831 der Informationsstelle Edelstahl Rostfrei regelt, welche Werkstoffe für tragende Teile in chlorhaltiger Hallenbadatmosphäre zulässig sind. Die Logik ist einfach und für die Versicherbarkeit zentral.
- Ohne regelmäßige, dokumentierte Reinigung sind für tragende Teile nur hochlegierte Werkstoffe wie 1.4565, 1.4529 und 1.4547 vorgesehen
- Mit dokumentiertem Reinigungsprogramm kommen je nach Widerstandsklasse auch 1.4401, 1.4404 und 1.4571 in Betracht
- Die verbreiteten Werkstoffe 1.4301 und 1.4401 sind für tragende Bauteile ohne Wartungsregime nicht geeignet
Daraus folgt eine unangenehme Verbindung: Die fehlende Reinigungs- und Inspektionsdokumentation ist gleichzeitig ein Haftungsthema und ein Versicherbarkeitsthema. Ein Versicherer, der ein Hallenbad zeichnet, fragt nach genau diesen Unterlagen, und bei einem Personenschaden fragt das Gericht danach.
Eine Einschränkung, die wir offen benennen
Korrosion und Abnutzung sind in der Sachversicherung regelmäßig ausgeschlossen. Ob Folgeschäden gedeckt sind, hängt vom konkreten Bedingungswerk ab. Wir behandeln dieses Thema deshalb als Prüfpunkt, nicht als Zusage. Wer Ihnen Korrosionsdeckung pauschal verspricht, hat die Bedingungen nicht gelesen.
Chlorgas: ein Personenschaden mit Serienpotenzial
Für Chlorungsanlagen gelten die DGUV Regel 107-001 zum Betrieb von Bädern, die DGUV Information 213-040 zu Gefahrstoffen bei der Wasseraufbereitung sowie die Gefahrstoffverordnung mit Substitutionsprüfung und Gefährdungsbeurteilung.
Am 18. April 2023 wurden in einem Bad in Bergheim bei Köln bei Wartungsarbeiten Chlorgas freigesetzt. 21 Kinder und drei Lehrkräfte wurden verletzt, es entstand eine Lage mit einer größeren Anzahl Verletzter.
Versicherungstechnisch ist das der unangenehmste Fall überhaupt: ein Serienschaden mit vielen Personenschäden, Regressansprüchen des Unfallversicherungsträgers und der Frage, wer haftet, wenn ein Wartungsdienstleister beteiligt war. Hier entscheidet sich, ob Ihre Police über die Grunddeckung hinaus auch Ansprüche aus der Tätigkeit Dritter und die Umwelthaftpflicht erfasst.
Legionellen im Badbetrieb
Für Duschen und Warmwassersysteme gilt die Trinkwasserverordnung. Der technische Maßnahmenwert liegt bei 100 KBE je 100 Milliliter, nach der Fassung von 2023 bereits bei Erreichen und nicht erst beim Überschreiten.
- Untersuchungspflicht für Großanlagen mit Vernebelung, also für Duschen
- Intervall bei öffentlicher und gewerblicher Abgabe jährlich
- Erstuntersuchung drei bis zwölf Monate nach Inbetriebnahme
- Probenahme nach DIN EN ISO 19458 ohne Strahlregler
- Bei Befund Anzeige beim Gesundheitsamt und Risikoabschätzung, die früher Gefährdungsanalyse hieß
Die versicherungstechnische Pointe: Ein Legionellenbefund mit Duschsperrung oder Teilschließung ist kein Sachschaden. Eine Betriebsunterbrechungsversicherung, die einen Sachschaden als Auslöser verlangt, greift nicht. Dafür braucht es eine Betriebsschließungsdeckung mit Blick auf das Infektionsschutzgesetz, und deren Umfang hängt stark von der Formulierung ab.
Was Versicherer bei Ihnen ansehen
- Aufsichtskonzept: Qualifikationen, Besetzung, dokumentierte Begründung
- Tragwerk: Werkstoffnachweise, Inspektionen der abgehängten Decken, Reinigungsregime
- Chlorung: Anlagentyp, Lagerung, Gefährdungsbeurteilung, Wartungsverträge
- Trinkwasser: Probenahmeplan, Befundhistorie, Spülpläne
- Technikräume: Lage unter Wasserniveau, Rückstausicherung, Elementarexposition
- Sauna: Abstand zu brennbaren Teilen, Abschaltautomatik, Brandmeldetechnik
- Und der Sanierungsstand der Anlage insgesamt
Punkt zwei ist der, der über die Versicherbarkeit entscheidet. Ohne Nachweise zu Werkstoffen und Inspektionen wird ein älteres Hallenbad schwer zeichenbar. Was dann möglich ist, steht unter schwer versicherbare Risiken.
Freibäder: der Schadenzeitpunkt entscheidet
Bei Freibädern ist der Ertragsausfall extrem saisonabhängig. Ein Schaden im Mai trifft die ganze Saison, ein Schaden im Oktober fast nichts. Die Freibadbefragung 2024 der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen mit 268 teilnehmenden Bädern und rund 6.4 Millionen Besuchern zeigt den August als stärksten Monat.
Eine Betriebsunterbrechung, die mit zwölf Gleichmonaten rechnet, bildet das nicht ab. Sinnvoll ist eine Bemessung, die die Saisonverteilung berücksichtigt, und eine Haftzeit, die mindestens eine vollständige Folgesaison einschließt.
- Welche Betriebsformen bietet Ihre Anlage, und sind alle benannt?
- Ist das Aufsichtskonzept schriftlich begründet?
- Liegen Werkstoff- und Inspektionsnachweise für das Tragwerk vor?
- Welche Haftzeit haben Sie, und passt sie zur Wiederaufbauzeit?
- Ist der Ertragsausfall saisonrichtig bemessen?
- Greift die Deckung bei Schließung durch das Gesundheitsamt?
- Sind Chlorgas und Umweltschaden erfasst?
- Und wer haftet bei Fremdnutzung durch Vereine und Schulen?
Der Markt wird enger, nicht weiter
Für kommunale Gebäude ist die Entwicklung belegt. Eine Auswertung von correctiv vom Juli 2025 nennt für den Saarpfalz-Kreis eine Prämiensteigerung von 161.42 Prozent in fünf Jahren und berichtet, dass Bad Neuenahr-Ahrweiler 2023 trotz europaweiter Ausschreibung kein einziges Angebot für die kommunale Gebäudeversicherung erhielt. Nur etwa die Hälfte der kommunalen Gebäude ist gegen Elementarschäden versichert.
Eine bäderspezifische Statistik zu Kündigungen und Kapazitätsengpässen gibt es nicht. Unsere Einschätzung, als solche gekennzeichnet: Bäder gehören wegen Anlagenalter, Sanierungsstau und Korrosionsexposition zu den schwierigeren Risiken, und die Zahl zeichnungsbereiter Versicherer ist begrenzt. Das macht eine sauber aufbereitete Risikoakte wichtiger als die Suche nach dem günstigsten Tarif.
Die Lage der Bäderlandschaft
Die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen führt im Bäderatlas rund 6.000 Hallen- und Freibäder mit konventioneller oder biologischer Aufbereitung, dazu über 550 Naturbäder und rund 2.500 Badestellen. Der Sanierungsstau wurde in einer Erhebung von 2016 mit rund 4.5 Milliarden Euro angegeben.
Die Bäderallianz Deutschland hat im Juli 2025 einen Schwimmbadplan vorgelegt. Darin wird etwa die Hälfte des Bestands als sanierungsbedürftig bezeichnet und eine Bundesförderung von einer Milliarde Euro jährlich über zwölf Jahre gefordert.
Für Sie heißt das zweierlei. Der Sanierungsdruck erhöht das Schadenrisiko, und gleichzeitig steigen die Anforderungen der Versicherer an den Nachweis des Anlagenzustands. Wer diese Nachweise hat, verhandelt in einer anderen Position als wer sie erst im Schadenfall sucht.
Was uns Badbetreiber fragen
Welche Versicherungen braucht ein Schwimmbadbetreiber?
Den Kern bilden Betriebshaftpflicht mit ausdrücklichem Badebetrieb, Sachversicherung für Gebäude und Technik, Betriebsunterbrechung beziehungsweise Ertragsausfall, Umwelthaftpflicht wegen der Wasseraufbereitungsstoffe sowie eine Betriebsschließungsdeckung mit Blick auf das Infektionsschutzgesetz. Dazu kommen Elektronik und Maschinen für die Technik.
Entscheidend ist weniger die Liste als die Betriebsbeschreibung. Sauna, Naturbadestelle, Rutschen, Fremdnutzung durch Vereine und gastronomische Bereiche sind jeweils eigene Risiken, die benannt sein müssen.
Haftet der Betreiber bei einem Ertrinkungsfall?
Das hängt von der Aufsicht ab. Der Bundesgerichtshof verlangt in seinem Urteil vom 23. November 2017 (III ZR 60/16) ständige Beobachtung des Wassers durch regelmäßige Kontrollblicke, geeignete Standortwahl mit Standortwechsel und die Sicherstellung schneller Hilfe.
Wirtschaftlich entscheidend ist die Beweislast: Bei grob fahrlässiger Aufsichtspflichtverletzung kehrt sie sich für die Kausalität um. Dann muss der Betreiber beweisen, dass der Schaden auch bei ordnungsgemäßer Aufsicht eingetreten wäre. Eine dokumentierte Begründung der Aufsichtsplanung ist deshalb erhebliche Verteidigung.
Wie viele Aufsichtskräfte sind vorgeschrieben?
Eine feste Zahl gibt es nicht. Die Richtlinie 94.05 der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen verlangt eine personell ausreichende, den örtlichen Verhältnissen angepasste Aufsicht und beschreibt die Qualifikationen für Betriebs-, Badebetriebs- und Wasseraufsicht.
Diese Offenheit bedeutet für Sie, dass die Angemessenheit der Besetzung im Streitfall von Ihnen begründet werden muss. Eine schriftliche Herleitung anhand von Beckengeometrie, Sichtverhältnissen, Besucherstruktur und Attraktionen ist deshalb dringend zu empfehlen.
Sind Korrosionsschäden an der Hallenbaddecke versichert?
Korrosion und Abnutzung sind in der Sachversicherung regelmäßig ausgeschlossen. Ob Folgeschäden erfasst sind, hängt vom konkreten Bedingungswerk ab. Eine pauschale Zusage ist hier nicht möglich und wäre unseriös.
Wichtiger als die Deckungsfrage ist bei diesem Risiko die Prävention. Das Merkblatt 831 der Informationsstelle Edelstahl Rostfrei regelt, welche Werkstoffe für tragende Teile in Hallenbadatmosphäre zulässig sind und unter welchen Reinigungsbedingungen. Fehlen Werkstoff- und Inspektionsnachweise, ist das sowohl ein Haftungs- als auch ein Versicherbarkeitsproblem.
Wer zahlt bei Schließung durch das Gesundheitsamt?
Nicht die normale Betriebsunterbrechungsversicherung. Sie setzt einen versicherten Sachschaden als Auslöser voraus. Eine Schließung nach einem Legionellenbefund oder einem anderen Hygienevorfall ist kein Sachschaden.
Erforderlich ist eine Betriebsschließungsdeckung mit Bezug auf das Infektionsschutzgesetz. Deren Umfang hängt stark davon ab, welche Krankheiten und Erreger benannt sind und ob auch Teilschließungen und Duschsperrungen erfasst werden.
Wie lang muss die Haftzeit für ein Bad sein?
Länger als zwölf Monate. Ein dokumentierter Maßstab ist der Brand der Salz- und Kristalltherme im Miramar in Weinheim im Dezember 2024: Die Wiedereröffnung erfolgte zum 1. Juli 2026, also nach rund 18 Monaten, und das betraf einen Teilbereich der Anlage.
Bei Freibädern kommt die Saisonalität hinzu. Die Haftzeit sollte mindestens eine vollständige Folgesaison einschließen, weil ein Schaden im Frühjahr sonst zwei Saisons belastet und die Deckung nach der ersten endet.
Was gilt bei Fremdnutzung durch Vereine oder Schulen?
Das ist eine der häufigsten offenen Fragen. Bei Vereins- und Schulschwimmen stellt in der Regel der Nutzer die Aufsicht, während Sie Betreiber der Anlage bleiben. Die Verkehrssicherungspflicht für Bauwerk und Technik bleibt also bei Ihnen, die Aufsichtspflicht über die Personen liegt beim Nutzer.
Diese Aufteilung muss schriftlich vereinbart sein, einschließlich der Frage, wer welchen Versicherungsnachweis vorhält. Fehlt die Vereinbarung, landet im Schadenfall regelmäßig beides beim Betreiber.
Haben Sie Werkstoff- und Inspektionsnachweise für Ihr Tragwerk?
Diese Unterlagen entscheiden über Haftung und Versicherbarkeit gleichzeitig.