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Die Amazon-Versicherungspflicht und was dahinter steckt

Ab 5.000 Euro Bruttoumsatz im Monat verlangt Amazon eine Betriebshaftpflicht mit Produkthaftung. Die meisten Händler erledigen das als Formalie und laden ein Zertifikat hoch. Der eigentliche Punkt steht an anderer Stelle im Vertrag: in der Freistellungsklausel, die Ihre Standardpolice regelmäßig nicht abdeckt.

Was Amazon verlangt

Die Grundlage ist Ziffer 8 des Business Solutions Vertrags. Übersteigt der Bruttoverkaufserlös über Versand durch Amazon die Versicherungspflichtgrenze in drei beliebigen, aufeinanderfolgenden Monaten, müssen Sie innerhalb von 30 Tagen auf eigene Kosten eine allgemeine Betriebshaftpflichtversicherung einschließlich Produkthaftung und Körperverletzung abschließen. Amazon kann die Police auch unabhängig davon verlangen.

MarktplatzVersicherungspflichtgrenze je Monat
Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Niederlande5.000 Euro
Vereinigtes Königreich4.000 GBP
Schweden50.000 SEK
Polen22.500 PLN

Die Grenze wurde zum 29. Mai 2024 deutlich abgesenkt. Damit fallen heute auch kleinere Händler darunter, die das vorher nicht betraf.

Die formalen Anforderungen an die Police

  • Amazon und seine Rechtsnachfolger sind als zusätzliche Versicherte zu benennen.
  • Die Selbstbeteiligung darf 10.000 Euro je Schadenereignis nicht übersteigen.
  • Der Versicherer muss mindestens ein Rating von S&P A minus oder AM Best A minus haben.
  • Der Versicherer muss Amazon mindestens 30 Tage im Voraus über Kündigung, Änderung oder Nichtverlängerung informieren.
  • Der Versicherungsnehmer muss namensidentisch mit der im Amazon-Konto hinterlegten juristischen Person sein.
  • Die Police muss alle auf Amazon verkauften Produkte abdecken.

Fehlt die Versicherung, liegt eine Vertragsverletzung vor. Amazon kann Programme aussetzen, kündigen oder das Konto sperren. Der Umsatz steht dann sofort, und weil dabei kein Sachschaden eintritt, greift die klassische Ertragsausfalldeckung nicht. Warum das so ist, erklärt unsere Seite zur Betriebsunterbrechung ohne Sachschaden.

Der Punkt, über den kaum jemand spricht

Die Versicherungspflicht aus Ziffer 8 ist leicht zu erfüllen. Es gibt Policen ab etwa 120 Euro im Jahr, und die Anbieter stellen auf Wunsch ein Zertifikat aus. Damit ist das Formale erledigt.

Das wirtschaftliche Risiko steht an anderer Stelle. Ziffer 6.1 und Ziffer F.10 des Vertrags verpflichten Sie, Amazon von sämtlichen Ansprüchen Dritter freizustellen, die sich auf Ihre Einheiten beziehen. Das schließt Körperverletzungen, Todesfälle und Sachschäden ein.

Eine Freistellungsverpflichtung ist eine vertraglich übernommene Haftung. Sie geht über das hinaus, was Sie nach dem Gesetz schulden würden. Und genau das ist in der Standardbetriebshaftpflicht regelmäßig ausgeschlossen: Die üblichen Bedingungen decken die gesetzliche Haftung privatrechtlichen Inhalts, nicht eine darüber hinausgehende vertragliche Übernahme.

Im Ergebnis kann die Konstellation entstehen, dass Sie eine Police haben, die Amazon akzeptiert, die aber die Verpflichtung nicht trägt, wegen der Amazon die Police überhaupt verlangt. Das ist eine der größten und am wenigsten diskutierten Deckungslücken im Marktplatzgeschäft.

Zusätzlicher Versicherter: eine Figur, die es hier nicht gibt

Amazon verlangt, als additional insured benannt zu werden. Diese Figur stammt aus dem angloamerikanischen Versicherungsrecht. Deutsche Betriebshaftpflichtbedingungen kennen sie in dieser Ausprägung nicht.

In der Praxis gibt es zwei Wege. Entweder der Versicherer schreibt eine echte Mitversicherung, oder er stellt eine Bestätigung aus, die Amazon zufriedenstellt, ohne eine eigene Deckung für Amazon zu begründen. Beides ist nicht dasselbe, und der Unterschied zeigt sich erst im Schadenfall.

Wie der Markt darauf reagiert hat

Nicht jeder Gewerbeversicherer bedient diese Anforderung. Nach einer Erhebung des Fachmagazins procontra bieten Hiscox, Zurich und R+V Amazon-konforme Gewerbepolicen an, während die Bayerische und AXA zum Erhebungszeitpunkt keine entsprechenden Produkte im Portfolio hatten.

Hiscox nimmt Amazon in den Vertrag auf und stellt ein Amazon Certificate aus. Dafür wird ein Zuschlag von 15 Prozent auf die Prämie erhoben. Die Jahresprämie für eine Basisdeckung liegt nach Angaben des Anbieters bei rund 120 Euro. Zurich bietet eine Betriebshaftpflicht mit integrierter Produkthaftpflicht und erweitertem Verkäuferschutz für Aus- und Einbaukosten bei Nachlieferung.

Marc Thamm, Product Head Technology bei Hiscox Deutschland, nennt zwei Punkte, auf die Händler achten sollten: dass die Betriebshaftpflicht eine Produkthaftpflicht enthält und dass der Schutz weltweit gilt. Ohne schriftliches Versicherungszertifikat drohe die Sperrung für den Marktplatz. Er beobachtet zugleich, dass sich die Schadenfälle insbesondere wegen der Internationalisierung häufen.

Die Deckungsfragen, die über die Pflicht hinausgehen

  • Erweiterte Produkthaftpflicht. Aus- und Einbaukosten, Weiterverarbeitungsschäden und Rückrufkosten sind in der Grunddeckung regelmäßig nicht enthalten. Für Rückrufe braucht es eine eigene Rückrufversicherung.
  • Tätigkeits-, Bearbeitungs- und Obhutsschäden an Kundenware. Relevant, wenn Sie Geräte annehmen, konfigurieren, reparieren oder aufarbeiten.
  • Der Tätigkeitsbereich im Vertrag. Wer vom reinen Handel zur Eigenmarke gewechselt ist, ist häufig noch als Händler geführt. Dazu Importeure und Eigenmarken.
  • Die neue Haftungskaskade ab Dezember 2026. Das neue Produkthaftungsgesetz ordnet neu, wer in welcher Reihenfolge haftet, und rückt Händler nach vorn.
  • Produktsicherheit. Seit Februar 2026 sind GPSR-Verstöße bußgeldbewehrt, und ab Dezember lösen sie im Haftungsprozess eine Fehlervermutung aus. Dazu GPSR-Bußgelder.

Was sonst noch an Ihrem Konto hängt

Die Versicherungspflicht ist der sichtbarste Teil des Vertrags. Es gibt daneben wirtschaftliche Risiken aus demselben Vertragswerk, die seltener besprochen werden.

  • Ihre Ware im Lager. Amazon erstattet bei Verlust vor einer Bestellung seit März 2025 nur noch die Herstellungskosten, ohne Zoll und Fracht. Details auf unserer Seite zu Ware im Fremdlager.
  • Der Lagerwert im vierten Quartal. Wer die Versicherungssumme am Jahresdurchschnitt bildet, riskiert im November eine Unterversicherung mit verhältnismäßiger Kürzung.
  • Abmahnungen. Nach der Händlerbund-Abmahnstudie 2026 entfallen rund ein Drittel der Abmahnungen auf eBay und Amazon zusammen. Ob Ihr gewerblicher Rechtsschutz das Wettbewerbsrecht überhaupt einschließt, ist eine eigene Frage.
  • Technische Abhängigkeit. Shopsystem, Warenwirtschaft und Marktplatzanbindung hängen zusammen, siehe Cyberversicherung.

Einen Überblick über alle Themen im Marktplatzhandel geben unsere Seiten zu Amazon Seller und zu Versicherungen für Onlinehändler. Wer über einen Dienstleister versendet, findet die Gegenseite unter Fulfillment-Dienstleister.

Häufige Fragen

Was Händler zur Amazon-Versicherungspflicht fragen

Ab wann brauche ich als Amazon-Händler eine Betriebshaftpflicht?

Sobald Ihr Bruttoverkaufserlös über Versand durch Amazon die Versicherungspflichtgrenze in drei beliebigen, aufeinanderfolgenden Monaten überschreitet. Für Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und die Niederlande liegt diese Grenze bei 5.000 Euro im Monat. Danach haben Sie 30 Tage Zeit.

Amazon kann die Police nach dem Vertragswortlaut auch unabhängig vom Umsatz verlangen.

Welche Deckungssumme verlangt Amazon?

Hier gibt es im Markt zwei Zahlen. Die öffentlich abrufbare deutsche Vertragsfassung, im Dokument auf den 1. Januar 2021 datiert, nennt 500.000 Euro. Mehrere Anbieter nennen 1.000.000 Euro.

Wir vermuten, dass das Limit nach 2021 angehoben wurde und die öffentliche Übersetzung veraltet ist, können das aber nicht belegen. Maßgeblich ist die Fassung in Ihrem Seller Central. Prüfen Sie sie dort, bevor Sie eine Summe vereinbaren.

Was bedeutet es, dass Amazon als zusätzlicher Versicherter genannt werden muss?

Die Figur des zusätzlichen Versicherten stammt aus dem angloamerikanischen Versicherungsrecht und existiert in deutschen Betriebshaftpflichtbedingungen so nicht. Deutsche Versicherer lösen das entweder über eine echte Mitversicherung oder über eine Bestätigung, die Amazon akzeptiert, ohne eine eigenständige Deckung für Amazon zu begründen.

Für die Erfüllung der Plattformanforderung genügt meist das Zertifikat. Für den Schadenfall ist der Unterschied erheblich, deshalb sollte er vor Abschluss geklärt und schriftlich festgehalten werden.

Deckt meine Police die Freistellungsverpflichtung gegenüber Amazon?

Häufig nicht. Ziffer 6.1 und Ziffer F.10 des Business Solutions Vertrags verpflichten Sie, Amazon von sämtlichen Ansprüchen Dritter freizustellen, die sich auf Ihre Einheiten beziehen, einschließlich Körperverletzungen und Sachschäden.

Das ist eine vertraglich übernommene Haftung, die über die gesetzliche hinausgeht. Standardbedingungen in der Betriebshaftpflicht decken die gesetzliche Haftung und schließen eine darüber hinausgehende vertragliche Übernahme regelmäßig aus. Prüfen Sie Ihren Ausschlusskatalog gezielt auf diese Formulierung.

Mein Versicherer hat kein A-minus-Rating. Reicht die Police trotzdem?

Nach dem Vertragswortlaut nicht. Amazon verlangt mindestens ein Rating von S&P A minus oder AM Best A minus. Das schließt eine Reihe kleinerer und spezialisierter Anbieter aus, auch solche mit guter Deckung.

Das ist einer der Gründe, warum nicht jede fachlich passende Police die Plattformanforderung erfüllt. Bei der Auswahl müssen beide Kriterien zusammen betrachtet werden.

Was passiert, wenn ich die Versicherung nicht nachweise?

Es liegt eine Vertragsverletzung vor. Amazon kann daraufhin Programme aussetzen, den Vertrag kündigen oder das Verkäuferkonto sperren.

Die wirtschaftliche Folge einer Sperrung ist für viele Händler existenziell, weil der Umsatz sofort steht. Ob und in welchem Umfang eine solche Sperrung versicherbar ist, ist schnell beantwortet: die Sperrung selbst in aller Regel nicht. Jede Ertragsausfalldeckung am deutschen Markt knüpft an einen Sachschaden an, und eine Kontosperrung ist keiner. Die Hintergründe dazu stehen auf unserer Seite zur Betriebsunterbrechung ohne Sachschaden.

Brauche ich eine eigene Police, wenn ich auch über einen eigenen Shop verkaufe?

Sie brauchen keine zweite Police, aber eine, die beides abdeckt. Die Amazon-Anforderung verlangt, dass alle auf Amazon verkauften Produkte erfasst sind. Das schließt nicht aus, dass dieselbe Police auch Ihren eigenen Shop und andere Marktplätze abdeckt.

Wichtig ist die Namensidentität: Der Versicherungsnehmer muss dieselbe juristische Person sein wie die im Amazon-Konto hinterlegte. Wer mehrere Gesellschaften betreibt, sollte das prüfen.

Gilt meine Betriebshaftpflicht auch für Verkäufe in die USA?

In Standarddeckungen regelmäßig nicht. Export in die USA und nach Kanada ist häufig ausgeschlossen oder nur gegen Zuschlag eingeschlossen, weil dort das Haftungs- und Prozesskostenrisiko deutlich anders liegt.

Wer über die nordamerikanischen Marktplätze verkauft, braucht eine ausdrückliche Erweiterung des Geltungsbereichs. Das gehört zu den Punkten, die bei der Umstellung auf internationale Marktplätze am häufigsten übersehen werden.

Erfüllt Ihre Police mehr als die Formalie?

Wir prüfen Deckungssumme, Mitversicherung, Geltungsbereich und den Ausschluss für vertraglich übernommene Haftung gegen die Fassung, die in Ihrem Konto hinterlegt ist.